Luftfeuchte und Reibung — was am Fels im Mai zu beachten ist
Mai ist der Monat, in dem Outdoor-Sessions wieder beginnen, und gleichzeitig der Monat, in dem die Reibung am Fels durch Luftfeuchte und Tau am unberechenbarsten wird. Ein Notat zu Hygrometer, Tageszeit und Chalkwahl.
Wer im Mai zum ersten Mal nach der Winterpause an den Fels geht, merkt es im ersten Move: die Reibung ist nicht die, die man aus dem Februar in Erinnerung hat. Februar-Reibung — trocken, kalt, lang anhaltend — ist die Idealbedingung des Sportkletterns. Mai-Reibung ist eine andere Geschichte. Sie hängt am Hygrometer, an der Tageszeit, am Wind und an der Tatsache, dass die Sonne mittlerweile zwölf Stunden über der Wand steht.
Das Hygrometer als wichtigstes Werkzeug
Ein kleines Hygrometer im Rucksack ist die preisgünstigste Investition für die Mai-Saison. Wir notieren in der Redaktions-Mitschrift seit drei Saisons jeden Tag den Wert direkt am Wandfuß, und das Muster ist klar: ab 70 Prozent relative Luftfeuchte werden Crimper am Gneis und Sloper an Sandstein deutlich schwerer haltbar. Über 80 Prozent ist es nicht mehr eine Frage des Trainingszustands — es ist eine Frage der Bedingungen.
Tageszeit entscheidet
In den meisten deutschen Klettergebieten ist die Reibung am Mai-Morgen schlechter als am Nachmittag. Tau auf dem Gestein, kalter Stein, hohe Luftfeuchte aus der Nacht. Wer Reibung sucht, wartet, bis die Sonne den Fels mindestens zwei Stunden bestrahlt hat — dann sind die Bedingungen vergleichbar mit dem späten Februar. Ausnahme: heiße Mai-Tage über 25 Grad, an denen die Sonne den Fels überheizt und der Crimper an den Fingerkuppen rutschig wird.
Chalkwahl im Mai
Liquid Chalk als Grundierung am Morgen ist im Mai fast Standard. Die feuchte Hand verträgt sich besser mit dem dünnen Belag, der direkt an der Hautoberfläche bleibt, als mit feinem Pulver, das mit Schweiß eine Paste bildet. Auf den Liquid-Belag kann man Pulver setzen, sobald die Wand warm geworden ist; dann ist die Mischung der Standard-Saisonansatz.
Was am Sandstein anders ist
Sandstein verträgt keine nasse oder feuchte Hand — die Griffsorten sind empfindlich, das Gestein reagiert mechanisch, und übermehlte Hände hinterlassen ein graues Tape, das die nächste Saison stört. Im Mai am Sandstein gilt: später am Tag starten, weniger Chalk, Bürste konsequent, Hände vor dem Move trockenwischen. Wer hier Geduld hat, wird mit Bedingungen belohnt, die im späteren Sommer kaum noch erreichbar sind.
Routine für die ersten Mai-Sessions
Wir bauen die ersten zwei Outdoor-Wochenenden absichtlich kleiner. Aufwärmen länger als gewohnt, harte Versuche erst, wenn die Wand sich warm anfühlt, Pflegeritual nach jeder Session konsequent durchziehen. Mai ist nicht der Monat für die persönliche Bestmarke; er ist der Monat, in dem man die Hand wieder an Fels gewöhnt. Wer das in der Reibungslogik mitdenkt, kommt im Juni gut in die Sommerform.